Freie Presse Chemnitz

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Freitag, 3. März 2006

Eisenerz zum hohen Preis

Die Hoffnung liegt in der Privatisierung

Einst baute die DDR mit am Bergbau- und Aufbereitungskombinat Kriwoi Rog – Über Jahre machte das Wort vom Milliardengrab die Runde

20 Jahre ist es her, da erfolgte der Baubeginn für das Bergbau- und

Aufbereitungskombinat Kriwoi Rog (BAK). Beteiligt waren daran

auch Baubetriebe und Ausrüstung-slieferanten aus der DDR, sollte dieses Riesenkombinat doch die DDR und weitere sozialistische Länder mit Eisenerz versorgen. Aufgrund von Geheimhaltung ist dieses Vorhaben in der DDR weitgehend unbekannt geblieben. Nur in der Wendezeit war Kriwoi Rog kurz in aller Munde.

 

ZAHLEN UND FAKTEN

Eine der größten

Industriebaustellen

Das Bergbau- und Aufbereitungs-kombinat  Kriwoi - Rog (BAK)

war nach der Erdgastrasse

Orenburg-Ushgorod das zweit- größte RGW-Vorhaben und eine

der größten Industriebaustellen

weltweit. Ursprünglich beteiligte

Länder waren die UdSSR, die

CSSR, Rumänien, die DDR und

Bulgarien. Jährlich sollten 33,7

Millionen Tonnen Roherz verarbeitet werden, das wären 4983

Tonnen pro Stunde gewesen.

Deutschland 1992

ausgeschieden

Die geplanten Gesamtkosten für

das Kombinat lagen bei 1,7 Milliarden sowjetischer Rubel. Der

Anteil der DDR sollte 104,4 Millionen Rubel (4,84 Prozent des

Gesamtumfangs) betragen - nach sowjetischer Preisbildung. Der Baubeginn war 1985, ursprünglich

sollte das Kombinat 1990 fertig-gestellt sein. Doch dieser Termin wurde immer wieder verschoben, Deutschland ist 1992 ausgestiegen. Seit 1997 herrscht völliger Baustillstand.

10.000 Bauarbeiter

im Einsatz

Die Größe des Industriegeländes

des Kombinats betrug 395 Hektar.

Bis etwa 10.000 Bauarbeiter,

davon aus der DDR, später BRD

1300 Kollegen, bauten an dem

Riesenprojekt mit. Das größte

deutsche Bauobjekt war die Produktionshalle zur Filtration mit

Nasskonzentratlager (Gesamtlänge

492 m, Breite 111,5 m,

Grundfläche 52.380 Quadratmeter).

 ZUM WEITERLESEN

Aktuelle Informationen zum Buchprojekt unter www.bakbuch.de

 

 

(Text und Fotos)

Von Rolf Junghanns

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese WEB-Seite beinhaltet einen Artikel, der am 3. März 2006 in der Chemnitzer "Freien Presse" abgedruckt wurde. Die Seite wurde von Dieter Herzog gestaltet - http://www.bakkriwoi-rog.de/.

Vor rund 20 Jahren, im Herbst 1985, zogen hoffnungsvoll die ersten von mehreren tausend Bauleuten aus fünf sozialistischen Staaten - Sowjetunion, DDR, CSSR, Rumänien, Bulgarien – in eine provinziell-stille Ecke der Ukraine. Unter ihnen auch Kollegen aus dem Raum Karl-Marx-Stadt,Vermesser in der Filtrationshalle – dem größten DDR-Objekt am BAK. so vom Betriebsteil Karl-Marx-Stadt des VEB Innenprojekt Halle, vom VEB Versorgung Erdgastrasse Karl-Marx-Stadt und vom VEB Dienstleistungskombinat Werdau. Ein Großvorhaben des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) wurde damals in Dolinskaja, 50 km von Kriwoi Rog, gestartet: das Bergbau- und Aufbereitungskombinat Kriwoi Rog (BAK). Hier sollte für den wachsenden Bedarf der Metallurgie der sozialistischen Länder zusätzliches Eisenerz gewonnen werden. Im Revier von Kriwoi Rog war qualitativ hochwertiges Magnetiterz immer schwieriger abzubauen, nun wollte man im BAK oxidiertes Erz aufbereiten, das wegen seines geringen Eisengehalts bisher als Abfall auf Halde ging. Das Vorhaben war bei den beteiligten Ländern umstritten - hoher Aufwand stand gegen geringen Erlös. Die damals beherrschbare Technologie würde Erzpellets mit einem Eisen-Gehalt von unter 60 Prozent erbringen. Das läge unter den Mindestanforderungen der Metallurgen, wäre aber besser als das bislang bezogene Kriwoi-Rog-Erz.

 

Geliebt wie ein KuckuckseiDas deutsche Objekt „Feinzerkleinerung“ - seit 1992 eine Investruine.

Der DDR-Wirtschaft verlangte das Vorhaben das Letzte ab, das BAK war zusätzlich zum Plan zu schultern. Ursprünglich sollte die DDR Werkshallen, Ausrüstungen, Verwaltungs-und Betriebsgebäude und einen Wohnbaukomplex liefern, alles in allem im Wert 243,2 Millionen Rubel, dazu noch ein zeitweiliges Bauarbeiterdorf und eine Baustelleneinrichtung. Angesichts der Uneffektivität liebte der damalige DDR-Minister für Erzbergbau, Metallurgie und Kali Kurt Singhuber das Vorhaben BAK wie ein Kuckucksei. Leichte Freude zeigte er erst 1987 nach Absenkung der DDR Beteiligung auf 4,84 Prozent - auf 104,4 Millionen Rubel. Dieser diffizile Hintergrund blieb geheim, wie überhaupt das Vorhaben in der DDR das Siegel der Verschwiegenheit bekam Nach vielen Anlaufschwierigkeiten war das Projekt Ende der 80er Jahre in voller Fahrt, auf der kilometerlangen Baustelle waren Stahl und Betonskelette für die riesigen Werkshallen aus dem Boden gewachsen. Aber mit der politischen Wende wechselten die Vorzeichen für das Vorhaben. Gleich 1990 verzichtete das EKO Eisenhüttenstadt auf den künftigen Bezug von Pellets vom BAK Kriwoi Rog. Der neue Hausherr der deutschen BAK-Baustelle wurde das Bundesministerium für Wirtschaft, und das forderte von der UdSSR, später von der selbstständigen Ukraine marktwirtschaftliche Neubewertung des BAK Abkommens. Der ukrainische Industrieminister erkannte die ineffektive Technologie, das minderwertiges Endprodukt, die schlechten Absatzaussichten und immense Schulden. Sollte er dieses UdSSR-Erbe annehmen? Er schwieg unentschlossen. Der damalige Wirtschaftsminister Möllemann freute sich: Kein Vertragspartner zu sichten - keine Vertragspflichten mehr! Anfang Juni 1992 wurden die 1300 Arbeiter binnen weniger Tage nach Hause gebracht. Sieben Jahren harter Arbeit der Projektanten, Ingenieure, Bauarbeiter und der Arbeiter aus den Zulieferbetrieben und letzten Endes zwei Milliarden von DDR und BRD verausgabte D-Mark waren zur Luftnummer geworden. Dem deutschen Ausstieg folgten die anderen Länder, seit 1997 steht der Bau völlig. Hauptursache für den Baustopp war Unvermögen oder Unwille der wechselnden ukrainischen Regierungen, den Fortbau des Kombinates ausreichend zu finanzieren. Zur DDR-Zeit war das Vorhaben BAK in der DDR-Öffentlichkeit kaum bekannt geworden, nur in der Wendezeit schlug es kurz Wellen als „Milliardengrab“. Sollten die Mühen umsonst gewesen und vergessen sein? Eine Initiativgruppe einstiger Baubeteiligter beschloss, die Geschichte des BAK Kriwoi Rog in einem Buch festzuhalten. Das

Buch soll auch zeigen, wie es heute um das Kombinat steht. Um das zu erkunden, fahren Ende des Sommers 2005 wir, zwei ehemals am BAK Beteiligte, nach Dolinskaja zu unserem früheren Kollegen und Freund Sascha Lasarew. Im Ort entdecken wir viel Neues: neue oder rekonstruierte Verkaufsstellen, alle reich gefüllt mit dem, was früher nicht oder nur knapp zu haben war, kleine Gaststätten, Bars, Bankfilialen mit Geldautomaten, ein neuerrichtetes Arbeitsamt, das aber keine Arbeit in Dolinskaja vermitteln kann, vergoldete Zwiebelkuppeln der Ortskirche. Aber wir sehen auch einige „Bauleichen“, halbfertig mit  vergitterten Eingängen: Krankenhaus, Wohnhäuser, ein Kindergarten, eine Berufsschule – allesamt Opfer der Unterfinanzierung des BAK.

 

Arbeit an neuen Technologien

Die größeren Investruinen, halbfertige Werkhallen und -gebäude, sehen wir dann auf dem Weg zur BAK-Direktion, wo wir mit den früheren Direktoren Viktor Welitschko, Iwan Dsjuba und Leonid Solotko verabredet sind. In den Gesprächen geht es um die Lage und die Perspektive. Während viele Experten in Deutschland die Aufbereitung oxidierter Eisenerze als perspektivlos ablehnen, sind sie überzeugt: „Das ist die Perspektive des Erzreviers Kriwbass!“ Man müsse jetzt schon bis in 1200 bis 1500 Meter Tiefe, um brauchbares Magnetiterz zu gewinnen, die Förderung werde immer teurer. Oxidiertes Eisenerz aber braucht man nur von der Halde zu holen – Milliarden Tonnen liegen dort. Trotz der prekären Lage -In der Kontianlage wird gegenwärtig die neue Technologie erprobt. Unterfinanzierung, Halbierung der Belegschaft, 4-Tage-Kurzarbeitswoche, Bevölkerungsrückgang um ein Fünftel - hat man die Hoffnung nicht aufgegeben. Das erkennen wir auch bei einer Führung durch die Kontianlage. In dieser Anlage – einer der wenigen arbeitenden Bereiche des Kombinats - wird an der Entwicklung einer neuen Technologie mit Flotation gearbeitet. Im Pilotversuch hat man ein Konzentrat mit 66,5 Prozent Eisengehalt und höher gewonnen, das ist international vorzeigbar. Ein Hoffnungsschimmer, wenn auch noch einiges zu tun ist bis zur großtechnischen Einsatzreife. Empfangen werden wir auch vom stellvertretenden Generaldirektor Grigori Daniljuk. Die Kombinatsdirektion sieht die Perspektive des BAK in der Privatisierung, sagt er, da die Regierung das BAK nicht mehr im Staatseigentum haben will. Der ukrainische BAK-Teil soll verkauft werden. Kaufinteressenten kommen aus der Ukraine und dem Ausland: ISD (Industrialny Soyuz Donbassa), Arcelor, Mittal-Steel und andere. Entscheidend für das künftige Schicksal des Kombinats, sagt uns Leonid Solotko, sei aber die Rohstoffbasis - für die Investoren das Filetstück. Diese Frage werde derzeit von der Timoschenko-Regierung behandelt. Eine Vergabe des Kombinats in ausländische Hand wäre ein Novum, ein Präzedenzfall: Rohstoffquellen wurden in der heutigen Ukraine noch nicht ins Ausland vergeben. Am Abend nach dem Gespräch mit Grigori Daniljuk erfahren wir im Fernsehen vom Rücktritt der Timoschenko-Regierung. Unter den Anhängern der „Orange-Revolution“ sterben an diesem Tag viele Hoffnungen. Die Hoffnung auf baldige Privatisierung des BAK wird brüchig.

 

Auktion live im Fernsehen

Am 26. Oktober 2005 verfolgte die Ukraine gespannt die Live-TV-Übertragung einer Auktion. Das Metallurgische Kombinat Kriwoi Rog kommt unter den Hammer. Die Orange-„Revolutionäre“ hatten im Wahlkampf verkündet, Kutschmas Discount-Privatisierungen aufzurollen. Der Metallurgie-Gigant war 2004 für 4,26 Milliarden Hrywna (800 Millionen Dollar) dem Kutschma-Schwiegersohn Pintschuk zugeschanzt worden. In der Bieterschlacht, die bei 10 Milliarden Hrywna startete, erhielt den Zuschlag schließlich für 24,2 Milliarden Hrywna (4,9 Milliarden Euro) die Mittal Steel Germany GmbH, Tochter der Mittal Steel, heute weltgrößtes Stahlimperium. Freudig die Statements von Lakshmi Mittal, Vorstandsvorsitzender der Mittal Steel. Nicht nur einen kostengünstigen Qualitätsedelstahl-Produzenten hat er erworben, über das Kombinat hat er nun Zugriff auf Vorräte von einer Milliarde Tonnen Eisenerz - die Quellen, aus denen auch das BAK Kriwoi Rog versorgt werden soll. Kritiker innerhalb der Ukraine werteten diesen Verkauf als negativ für die ökonomische Sicherheit der Ukraine. Die Mittal Steel hat seit dem Kauf von „Kryvorizhstal“ die Hände nicht in den Schoß gelegt. Das Interesse am BAK Kriwoi Rog ist ungebrochen und wurde kürzlich auf einem Treffen mit dem amtierenden Premierminister Jechanurow bestätigt. Und nach wie vor ist Mittal Steel nicht der einzige Kaufinteressent für das BAK. Wenn der ukrainischen Staat schon kein Interesse am BAK hat, so scheint seine Zukunft also nicht unsicher zu sein. Aber dafür müsste die Regierung den Verkauf auch ernsthaft in Angriff nehmen. Im Februar 2006 sieht es aber immer noch nicht danach aus. Aufgrund der fehlenden Finanzierung durch den Staat kann die BAK-Direktion an ihre Mitarbeiter seit September 2005 keine Löhne mehr auszahlen. Im Januar dieses Jahres mussten die Mitarbeiter Zwangsurlaub nehmen, weil die Direktion kein Geld hatte, um Dieselkraftstoff für die Werksbusse zu kaufen. Nun ist die Situation weiter eskaliert. Da die BAK-Direktion 1,8 Millionen Hrywnja Schulden beim Stromversorger „Kirowogradoblenergo“ hat, wurden Teile des Werks von der Stromversorgung abgeschaltet. Vom Werk aus wird der Ort Dolinskaja mit Strom, Gas, Wasser und Heizwärme versorgt. Aufgrund der starken Minustemperaturen, es sind bis zu minus 25 °C, hat der Energieversorger vorerst eine komplette Stromabschaltung aufgeschoben - wahrscheinlich bis es wärmer wird. Die Direktion hat Protestschreiben an die Regierung und alle kompetenten Stellen verschickt und fordert eine ausreichende Finanzierung, die Belegschaft droht mit Streik. Doch das jüngste Statement von Industrieminister Schandra unterschied sich nicht von anderen Äußerungen der Regierung in der letzten Zeit: Ob der Endtermin der Privatisierung 1. März gehalten werden könne, sei ungewiss. Der Privatisierungsprozess sei kompliziert, da auch Rumänien und die Slowakei Miteigentümer des Kombinats seien. Und wie das Parlament über die Privatisierung entscheide, könne er nicht voraussagen. Wird das Werk vieler tausender Arbeiter und Ingenieure aus fünf Ländern nun endgültig kaputt gespielt?

 

 

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